Wie “ganz oder gar nicht” deinen Erfolg blockiert

Um eine Aufgabe gut zu Ende zu bringen, muss man dranbleiben. Das ist so wichtig, dass manche Menschen glauben, es wäre sogar noch besser, gar nicht erst etwas anzufangen, von dem man sich nicht sicher ist, dass man es auch zu Ende bringen wird. “Ganz oder gar nicht” sagen sie dann. Doch wie gut ist dieser Grundsatz wirklich? Das zeige ich dir in diesem Artikel.

Ohne Zuverlässigkeit kommt man nicht weit

Wer unzuverlässig ist, mit dem will man nicht mehr lange arbeiten. “Ganz oder gar nicht” ist ein Grundsatz für Zuverlässige. Du versprichst, etwas zu tun, und dann tust du es auch. Weil du dich dazu verpflichtet hast. Das ist hilfreich und macht dich beliebt. Doch nicht nur in Bezug auf andere hilft es dir. Auch deine eigenen Vorhaben wirst du mit dieser Einstellung stärken. “Ganz oder gar nicht” sorgt für Verbindlichkeit. Du wirst dich auf etwas festlegen, und du wirst es durchziehen. Das ist doch sehr nützlich, oder? Ja und nein.
Denn leider hat die Sache einen Haken:

“Ganz” ist nicht klar definiert

Wann bist du fertig damit, ein Instrument zu lernen? Wenn du damit in allen großen Konzerthallen aufgetreten bist? Oder erst, wenn es kein Musikstück mehr gibt, dass du nicht spielen kannst? 

Wann hast du dich “ganz” auf eine Beziehung eingelassen? Sobald du dich nicht mehr nach anderen Menschen umdrehst? Oder erst, wenn du jeden Tag deines Lebens an der Seite deines Partners verbringst? 

Bist du “ganz” für deine Familie da, indem du auf Teufel komm raus mit deinem Partner zusammenbleibst, auch wenn ihr euch nur noch streitet? Oder indem du dich endlich trennst und ihr euch etwas Neues einfallen lasst, um die Zeit mit euren Kindern aufzuteilen?

Kannst du mit Sicherheit sagen, wann du angekommen bist, wenn du noch gar nicht weißt, wie das Ziel genau aussieht? Woher weißt du z.B., dass du dich “ganz” deinem Traumjob verschrieben hast, wenn du nicht alle Angebote kennst, die dir noch gemacht werden? Vielleicht wird auch die Stelle, die noch besser zu dir passt, erst geschaffen – hast du dann dein “ganzes” Commitment in die falsche Sache gesteckt?

“Ganz oder gar nicht” ist limitierend. Es hält an dem fest, was wir schon kennen. Frage dich also, wenn du daran denkst, etwas “ganz oder gar nicht” zu machen, ob du überhaupt weißt, was “ganz” für dich bedeutet. Wann bist du fertig? Wofür setzt du dich ein, auch wenn du nicht weißt, worauf es hinausläuft? Erst, wenn du das definiert hast, hat dein Commitment die Kraft, dich voran zu bringen. Ansonsten wirst du dich damit selbst blockieren. 

baby trying to get out of his crib
Stell dir vor, als Baby hättest du nie etwas versucht, was du nicht abschätzen kannst. Du wärst nicht weit gekommen …
(Foto von Alexander Dummer auf Unsplash)

Wer wartet, bis alles passt, fängt nie an

Selbst wenn du “ganz oder gar nicht” nur auf Teilstrecken deines Weges anwendest, kommst du schnell an die Grenzen des Sinnvollen. Stell dir mal vor, du würdest immer nur dann deine Wohnung putzen, wenn du Zeit und Nerv dafür hast, den kompletten Frühjahrsputz durchzuziehen. Dreimal darfst du raten, wie es die meiste Zeit des Jahres bei dir aussieht … 

Die Konsequenz von “nicht ganz” ist bei diesem Grundsatz “gar nicht”. Konsequent angewandt wirst du kaum noch etwas finden, mit dem du überhaupt anfangen darfst – denn wann kannst du schon garantieren, es wirklich zu 100% durchzuziehen? Und was, wenn du unterwegs merkst, dass du zwar einen Teil des Commitments durchziehen möchtest, aber nicht alles? 

“Ganz oder gar nicht” ist Sprit für deinen Selbstzweifel. Wenn du die Aufgabe, die vor dir liegt, in Frage stellst, schaltet sich dein schlechtes Gewissen ein: Du hast dich doch dafür entschieden, dann musst du es auch durchziehen. Nein, einzelne Aspekte nachjustieren geht nicht, entweder du bleibst dabei oder du lässt es sein. Du willst doch nicht deine Zeit auf etwas verschwenden, das dich nicht weiterbringt. Aber du willst auch nicht kneifen, schwach sein, vielleicht sogar andere enttäuschen!

Dass es vollkommen ok sein kann, zwischendurch die Richtung zu wechseln, wenn du merkst, dass deine Route nicht mehr stimmt, wird dabei vollkommen ignoriert. Doch genau so ist es!

Zuverlässigkeit geht auch ohne Extreme

Ich glaube daran, dass Zuverlässigkeit und Verbindlichkeit sich auszahlen. Allerdings sollten sie im richtigen Maß angewendet werden. Das zu tun, was man (sich) versprochen hat, und damit aufzuhören, wenn es keinen Sinn mehr ergibt – beides hat seine Berechtigung. Und es ist durchaus möglich, seine Versprechen zu halten, ohne sich auf ewig darauf fest zu nageln. Wenn du merkst, dass sich die Bedingungen geändert haben, kommuniziere mit den Beteiligten. Stelle die Dinge klar. Gib ein neues Versprechen und halte dich daran – so lange es sinnvoll ist. 

Erinnere dich, worum es wirklich geht: Für andere da zu sein. Das zu schaffen, was du schaffen willst. Wenn das mit der urprünglichen Idee nicht mehr zusammen passt, mach Schluss mit dem “ganzen” Commitment. Und vielleicht muss es dann auch kein “gar nicht” sein, sondern nur ein “etwas weniger” 😉 

Tipp: Wenn du dir unsicher bist, wie du alles, was du schaffen willst, in deinem Alltag unterbringen sollst, lasse dich von mir in einem kostenlosen Wegweisergespräch beraten!

Fazit

Extreme zielen fast immer an der Wirklichkeit vorbei. “Ganz oder gar nicht” ist eine Auswahl zwischen zwei Extremen. Deswegen funktioniert es auch so schlecht, es konsequent anzuwenden. Nimm “ganz oder gar nicht” als Richtlinie, als starken Satz, der dich pusht, aber nicht als unanfechtbare Lebensweisheit. Nutze es um den Mut zu finden, deinen Weg zu gehen, um dir einen Ruck zu geben oder dich voll zu committen. Und dann finde die Balance, damit es sinnvoll bleibt.


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2 Replies to “Wie “ganz oder gar nicht” deinen Erfolg blockiert”

  1. Wow, was für eine toller Artikel, liebe Iris.
    Ganz oder gar nicht aufzudröseln ist spannend und ich bin ganz Deiner Meinung. Sich zu entscheiden ist das Eine, es nach zu justieren das Andere. Solange die Richtung stimmt und die Zuverlässigkeit mit im Boot ist, ist alles gut.
    Ganz liebe Grüße aus dem Allgäu
    Margaretha Schedler

  2. Die Erfahrung habe ich auch gemacht, ganz oder gar nicht kann regelrecht ausbremsen. Ich habe für mich 2 Auswege gefunden:
    1. Ich darf etwas auch wieder lassen. Dann habe ich es getestet und festgestellt, dass das nicht mein Weg ist. Alles gut.
    2. Ich definiere mir ein ausreichendes Mindestniveau. Das wird eingehalten. Allerdings darüber hinaus ist schön, aber kein Muss.
    Danke für Deine Bestätigung.
    Liebe Grüße
    Dagmar

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