Warum es nicht schlimm ist, manche Dinge nicht zu können

Ein Pinguin ist ein fantastischer Schwimmer. Aber sonst kann er nur wenig: Nicht fliegen, nicht rennen, nicht singen. Wahrscheinlich kann er darüber aber noch nicht mal richtig sauer werden, denn Pinguine sehen kein rot. Was für eine Flasche – oder? Doch halt, sind es wirklich die Dinge, die wir NICHT können, die uns ausmachen?

Nichtwissen ist unser Normalzustand

In der Schule werden wir für das bestraft, was wir nicht wissen oder können. Das hinterlässt ein falsches Bild in uns, nämlich dass wir alles wissen oder können könnten. Das ist aber nicht der Fall, war es noch nie. Zwar konnte man vor ein paar hundert Jahren noch alles Wissen der Weltgelehrten in einem Leben erlernen – aber nur, weil damals noch nicht so viel bekannt war, was man wissen konnte. Heutzutage ist es absolut unmöglich, auch nur das bekannte Wissen der Menschheit in unser Gehirn zu bringen, auch wenn wir noch so viel lernen (solange wir noch nicht wie in Matrix direkt unser Gehirn an den Computer anschließen können). Dazu kommen die Dinge, die wir nicht theoretisch erlernen, sondern nur erfahren können. Dinge, die wir üben müssen. Und das, was wir zwar gerne wüssten, aber noch nicht herausgefunden haben. Ganz zu schweigen von den Dingen, von denen wir nicht einmal wissen, dass wir sie nicht wissen…

Wenn du also das Gefühl hast: “Ohje, das weiß ich nicht …”, erinnere dich daran: Du weißt sowieso fast gar nichts. Und das ist ok, es ist dein natürlicher Standard-Zustand!

Mach öfters den Sokrates-Check

Vera Birkenbihl empfiehlt, ab und an mal einen Sokrates-Check durchzuführen, um ein Gefühl dafür zu kriegen, was wir eigentlich alles nicht wissen. Schau dich also ruhig mal in deinem Alltag um und frage dich: Was weiß ich NICHT über die Dinge, die mich umgeben?

Ich habe zum Beispiel keine Ahnung, wie mein Scanner funktioniert. Also jenseits von “ich stecke ein Blatt rein und drücke auf die Taste”. Ich weiß nicht, wie die Farbstoffe in meinen Stiften hergestellt werden, und ich kenne weder die Zahl der Fasern in meinem Notizbuch noch den Aufbau des Gehirns der Spinne, die es sich in meiner Büroecke gemütlich gemacht hat. Und das sind nur die ersten paar Beispiele, die mir einfallen, wenn ich den Blick über meinen Schreibtisch schweifen lasse (wobei ich weder schreinern noch Innenarchitektur beherrsche). Ich könnte sicher noch tausend Dinge in meiner direkten Umgebung finden, über die ich nur bruchstückhafte Kenntnisse besitze.

Und wenn ich sehr gründlich nachfrage (wie Sokrates es bei seinen Zeitgenossen tat), bis zu den Prinzipien der Dinge und die Frage, warum ich überhaupt Gedanken habe, lande ich schließlich auch philosophisch an einem Punkt, wo ich – selbst bei den Dingen, in denen ich mich “gut auskenne” – sagen muss: Das weiß ich nicht.

Der Knackpunkt ist jedoch: Ich kann trotzdem super damit leben! Ich muss überhaupt nicht wissen, wie meine Muskeln meine Finger bewegen, mit wie viel Druck ich die Tasten betätige und wie der PC dann daraus etwas konstruiert, das dein Gehirn als Buchstaben wahrnimmt. Ich kann trotzdem einen Text schreiben und du kannst ihn lesen – cool, oder?

Warum Lernen trotzdem sinnvoll ist

Jetzt könntest du dir ja auch denken: Na fein, dann spare ich mir die Arbeit, überhaupt noch irgendetwas zu lernen! Doch Vorsicht, Nihilismus ist hier fehl am Platze! Denn ein gebildetes Leben ist einem ungebildeten gegenüber dennoch im Vorteil, auch wenn kosmisch gesehen kaum wesentlich mehr Kenntnisse vorhanden sind.

Denn worum es bei Bildung – bzw. Lernen im Allgemeinen, es geht hier nicht nur um die klassische Schulbildung! – wirklich geht, ist die wenigen Informationen, die dir in deinem eigenen Kopf zur Verfügung stehen, mit den vielen Informationen außerhalb deines Kopfes sinnvoll zusammen zu bringen. Und dafür brauchst du ein gewisses Kontingent an vorhandenen Infos und deren Auswertungen. Oder anders ausgedrückt: Je mehr du weißt – und zwar nicht nur Zahlen und Fakten, sondern v.a. Zusammenhänge! – desto leichter kannst du auch mit deinem alltäglichen Leben umgehen.

Außerdem bist du als lernfreudiger Mensch dazu in der Lage, deine Situation aktiv zu verändern. Du kannst Probleme analysieren und nach Lösungen suchen. Du kannst Erfahrungen auswerten und es beim nächsten Mal besser machen. Und du kannst eine realistische Vorstellung davon entwickeln, was möglich ist und was nicht, und dir so ein glücklicheres Leben erarbeiten. Ich finde, das ist schon ganz schön was wert, kosmisch gesehenes Unwissen hin oder her.

Wisse um deine Schwächen, aber erkenne vor allem deine Stärken

Und damit sind wir wieder beim Pinguin angelangt. Der kann nämlich auch nicht nur schwimmen, das ist nur das erste, was uns auffällt. Er kann vielleicht kein Rot sehen, aber dafür sehr viele Details im blau-grünen Bereich unterscheiden – im Wasser natürlich super. Er kann über seinen “Frack” und seine Füße seine Wärme regulieren. (Quelle: http://www.anjaspinguine.de/pinguin-wissen.htm#DerVerlustder) Und er kann etwas, was für manche andere vielleicht auch gar keine Stärke wäre, ihm aber in seinem Alltag wirklich weiterhilft, nämlich beim Kacken viermal so viel Druck produzieren wie ein Mensch (jap, dazu gibt es eine Studie) – für uns wär das nicht hilfreich, aber Pinguine halten damit ihren Nestbereich sauber, weil sie ihren Kot regelrecht wegschleudern. (Jetzt hab ich diesen Fun Fact auch untergebracht, schaut euch das Video von Mai Thi Nguyen-Kim dazu an!)

Worauf ich hinaus will: Nicht alle Stärken sind auf den ersten Blick erkennbar. Und nicht alle Schwächen sind so krass, wie sie erscheinen, wenn wir uns den Kontext klar machen, in dem sie vorkommen.

Fazit

Mach dich nicht fertig, wenn du merkst, dass du etwas nicht weißt oder kannst. Es ist unser natürlicher Zustand, nur einen winzigen Bruchteil der Informationen, die uns umgeben, überhaupt verarbeiten zu können. Vielleicht ist auch deine persönliche Stärke etwas, womit andere nichts anfangen können. Sei stolz auf deine Fähigkeiten, und lerne dazu, damit du in deinem Leben noch mehr strahlen kannst – auf deine Weise!


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