Mut zur Hilflosigkeit

Denn Vereinbarkeit zu leben heißt nicht, keine Sorgen zu fühlen. Sondern durch sie zu wachsen.

Ich spüre den Druck, unter dem die Menschen stehen. Was hätte man tun sollen, was ist jetzt sinnvoll? Wie kann jeder einzelne mit den Veränderungen umgehen, die eine plötzliche Unterbrechung des normalen Ablaufs mit sich bringt? Wie kann ich mir erlauben, mich zu freuen, wenn andere leiden? Wie kann ich mir erlauben, zu leiden, wenn andere noch mehr leiden? Wenn die Menschen komplex sind und es eine so unglaubliche Bandbreite an Reaktionen gibt – wie kann ich mich positionieren, ohne jemandem Unrecht zu tun? Ich spüre die Angst. Vor der Einschränkung, vor Überwachung, vor der Unvernunft der Mitmenschen, vor der Frage nach dem Aufrechterhalten des mühsam Etablierten, im Beruf, in der Familie, in sich selbst. 

Ich spüre Hilflosigkeit. Und in mir baut sich ein Druck auf: Was kann ich tun? Wie kann ich helfen? Wie kann ich meine Leichtigkeit bewahren, die mich davor schützt, zu verzweifeln – und zugleich ehrlich sein, den Tatsachen ins Auge blicken, etwas unternehmen? Ich weiß es nicht. Der Druck wird unerträglich: ich weiß es nicht! Und das darf nicht sein! – schließt sich unmittelbar und zugleich subtil an. Es engt mir die Brust ein, Tränen schießen mir in die Augen. Ich weiß es nicht – und das darf nicht sein… Aber ist das auch wahr? Leise schwebt eine wagemutige Idee durch den Sturm meiner Gefühle auf mich zu. Stimmt das wirklich? Das Karussell meiner Gedanken dreht sich weiter, doch ich achte nicht mehr auf die rasende Fahrt. Vielleicht bin ich schon ausgestiegen. 

Ich wiederhole den Gedanken: Ich weiß es nicht. Und schließe bewusst an: Und das darf sein. Der Druck wird leichter. Ich atme freier, der Sturm beginnt sich zu legen. Noch einmal, und er ist fast völlig verschwunden: Ich weiß es nicht. Und das darf sein. Es wird friedlicher in mir. Die Hilflosigkeit ist noch da, aber die entsetzliche Last ist verschwunden. An ihrer Stelle wächst Ruhe, eine zarte und doch mächtige Kraft. 

Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, was geschehen wird. Ich weiß nicht, was das Beste ist. Vielleicht mache ich Fehler, vielleicht wird später jemand auf mein jetziges Ich zeigen und sagen: “Das hättest du aber anders machen sollen.” Und dann sage ich: “Ja. Das wäre sinnvoll gewesen.” Ich weiß es nicht. Aber das darf sein. Denn in dem Moment, wo der Druck nachlässt, kann ich wieder klarer denken. Und den nächsten Schritt machen. 

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