Die Geschichte von den zwei Wegen

Was wir von einem Bergmann über Corona lernen können

Es waren einmal zwei Bergleute, die lebten auf einem schroffen Berghang. Jeder hatte einen Minenstollen, der guten Ertrag abwarf, doch der Weg in die Stadt war weit und schwierig.

Es gab zwei Möglichkeiten, um die vielen Steine mit dem Karren in die Stadt zu bringen: einen steilen Bergweg und einen durch den dunklen Wald. Beide Wege waren gefährlich. Der eine Bergmann hatte sich für den Bergweg entschieden. Dort fühlte er sich als Herr der Lage, da er weit sehen konnte. Der andere Bergmann hatte es eine Weile auf beiden Wegen versucht, doch wirklich zufrieden war er mit beiden nicht. Auf dem Waldweg lauerten wilde Tiere und wenn das Wetter schlecht war, blieb man im Schlamm stecken. Auf dem Bergweg gab es sehr schmale Stellen, an denen man gefährlich stürzen konnte, und die steilen Auf- und Abstiege laugten die Ochsen und den Kutscher gleichermaßen aus, da er oft absteigen und sie am Zügel führen musste.

Eines Tages fiel dem zweiten Bergmann auf, dass noch ein Weg in die Stadt führte: ein schmaler Pfad durch ein steiniges Tal, das direkt darauf zuging. Er sprach mit dem anderen darüber, doch dieser sagte: “Sicher wäre das schneller, aber siehst du die ganzen Steine? Da kommst du mit dem Karren gar nicht erst durch. Vergiss es”, winkte er ab und machte sich wieder auf seinen Weg durch die Berge. Doch der zweite dachte nach.

Schließlich ließ er seinen Karren stehen und ging mit seiner Kiepe durch das Tal. Es war anstrengend, denn er war nicht gewohnt, alles selbst zu tragen. Am ersten Tag war er auch viel später da als der andere und konnte natürlich auch weniger verkaufen. Auf dem Rückweg jedoch war die Kiepe leer und obwohl der Bergmann müde war, kam er gut voran, denn nun hatte er keinen schweren Karren, um den er sich kümmern musste. Das ging einige Tage so und der zweite Bergmann kam schon besser durch das Tal voran: er gewöhnte sich an das Gewicht der Kiepe und kannte die schnellsten Wege durch die Steine. Der erste lachte ihn aus: “Was nützt es dir, dass du auf deinem Weg vor mir da bist? Um dasselbe zu erreichen, musst du dreimal so oft laufen!” Dies leuchtete dem zweiten ein, und er dachte nach.

Beim nächsten Mal, als er aus der Stadt zurückkam, lud er auf das letzte Stück Weg seine Kiepe mit den Steinen des Weges voll. Sein Nachbar schüttelte den Kopf: “Du bist doch verrückt, jetzt machst du dir auch noch zusätzliche Arbeit. Komm aber nicht zu mir, wenn du hungerst von deinem Blödsinn.” Er war kein harter Mann, aber irgendwo musste man schließlich auch eine Grenze setzen. 

Eines Tages gab es auf dem Bergweg eine Lawine. Plötzlich konnte der erste Bergmann seinen gewohnten Weg nicht mehr fahren. Seufzend schlug er den zweiten Weg ein und fuhr durch den Wald. Er würde es schon schaffen, schließlich war nicht jeden Tag Regenwetter und auch die wilden Tiere würde er sich schon irgendwie vom Hals halten.

Der Händler in der Stadt fragte ihn, wo er so lang gewesen sei, und so klagte er ihm sein Leid über die Lawine und dass er jetzt den anderen Weg nehmen musste. Was der Bergmann nicht wusste, war, dass der Bruder des Händlers ein Räuber war. Dieser ließ sich sofort, als er hörte, was passiert war, mit seiner Bande auf dem Waldweg nieder. Doch er war schlau, und statt den Bergmann auszurauben und im Graben liegen zu lassen, forderte er einen Wegzoll. Der Bergmann kochte innerlich vor Wut, doch er zahlte, denn so behielt er immer noch mehr, als wenn er gar nicht in die Stadt konnte.

Dort wandte er sich sogleich an die Stadtwache, doch die hatte viel zu tun. Sie hörten zu, was der Bergmann zu sagen hatte, doch der Händler mischte sich ein und sagte dauernd das Gegenteil. Gleichzeitig schrien alle anderen, die durch die Berge wollten, es müsse sich endlich jemand um die Lawine kümmern.

Da tauchte der zweite Bergmann auf und wunderte sich, was für ein Tumult herrschte. Sein Nachbar klagte ihm sein Leid, doch plötzlich hielt er inne: “Wieso kommst du erst so spät? Ich denke, du bist mit deiner Kiepe viel schneller unterwegs?” Der andere lächelte: “Ich komme heute bereits das zweite Mal.” Das verblüffte den ersten nun doch, und er ging mit dem anderen mit.

Als sie in das Tal kamen, sah der erste, dass es nur noch auf einem kleinen Stück Steine gab, der Rest war mit einer guten Straße gepflastert. “Wo kommt denn diese Straße her?” Der andere erwiderte: “Die habe ich gebaut. Aus den Steinen, die ich vom Tal mitgenommen habe. Möchtest du den Rest der Straße mit mir zusammen bauen?”


Ob Corona oder ein anderer Schicksalsschlag: jederzeit kann eine Lawine unseren gewohnten Weg verschütten. Dann kann es scheinen, als könnten wir nur vom Schlechten zum noch Schlechteren weitergehen. Doch wenn du dich umsiehst, erkennst du, dass überall um dich herum an neuen Straßen gebaut wird. Ist vielleicht jetzt für dich der Zeitpunkt, es genauso zu machen?


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