Das steinerne Tor – Eine Geschichte über den Weg zum Erfolg

Es war einmal eine junge Frau, die wünschte sich Erfolg in ihrem Leben. Eines Tages hörte sie von einem steinernen Tor mit schweren, hölzernen Flügeln, das den Eingang zu einer Welt voller Erfolg bildete. Doch es öffne sich nicht für jeden.

“Was habe ich zu verlieren?”, fragte sie sich, und machte sich an den Anstieg auf den Berg, auf dem das Tor stand. Sie war zu allem bereit und brachte auch den schweren Aufstieg hinter sich. Schließlich stand sie vor dem Tor. “Klopfe” stand dort. Sie tat es, doch es geschah nichts. 

In diesem Moment kam ein Wanderer daher, ein alter Mann. Er trat vor das Tor, zaghaft, atmete dann tief durch und klopfte. Nichts geschah. Traurig setzte sich der Mann auf einen Stein. Als er merkte, dass er beobachtet worden war, erklärte er: “Ich habe es als junger Mann schon einmal versucht, aber es ist nichts passiert. Ich bin dann in mein Dorf zurückgekehrt und habe mein Leben gelebt. Doch nun merke ich, wie ich älter werde, und habe mir noch einmal gewünscht, das Tor möge sich für mich öffnen. Aber jetzt weiß ich wieder, dass es nichts bringt: Alle Anstrengung ist umsonst.” Er seufzte und ging wieder den Pfad hinab.

Die junge Frau war unsicher. Sollte es wirklich sinnlos sein, es zu versuchen? Sie beschloss, das Tor eine Weile zu beobachten. Vielleicht konnte sie sehen, dass jemand hineinging, und herausfinden, warum sich das Tor für ihn öffnete und für andere nicht. 

Früh am nächsten Morgen kam ein ernster junger Mann den Weg hinauf. Er hatte einen festen Stab in der Hand, auf den er sich beim Wandern stützte, und einen schweren Rucksack dabei. Er marschierte zum Tor und hämmerte mit der Faust dagegen. Nichts bewegte sich.

Er blickte für einen kurzen Moment enttäuscht drein, doch dann straffte er sich und kehrte wieder um. Die Frau hielt ihn auf. “Hast du das schon öfter versucht?” Der junge Mann lächelte überheblich. “Selbstverständlich. Nur Narren glauben, dass sich das Tor zum Erfolg beim ersten oder zweiten Klopfen öffnet. Da muss man dranbleiben. Mit Disziplin. Jeden Tag marschiere ich den Weg von der Stadt herauf. Ich habe alles dabei, was ich brauche, wenn sich das Tor endlich öffnet. Alles, was ich dann erledigen will und endlich loslassen kann. Aber solange heißt es durchhalten. Und jetzt geh mir aus dem Weg, ich muss zurück zu meinem Geschäft.” Er schob sie beiseite und wanderte raschen Schrittes wieder den Berg hinab.

Die junge Frau dachte nach. Es klang plausibel, was er gesagt hatte, doch etwas in ihr war verunsichert. Der junge Mann hatte erschöpft ausgesehen, schrecklich erschöpft, auch wenn er es sicher nicht zugegeben hätte. Was, wenn das Tor sich für ihn öffnete, und er nicht mehr die Kraft hatte, hindurch zu gehen? War das wirklich die einzige Möglichkeit?

Nachdenklich betrachtete sie das Tor. Es musste doch zu ergründen sein, wie es sich öffnen ließ! Entschlossen ging sie darauf zu, sie tastete es nach versteckten Mechanismen ab und suchte nach geheimen Inschriften. Doch vergeblich, nur das “Klopfe” stand groß und deutlich daran geschrieben. Frustriert ließ sie sich wieder auf einem Stein nieder und starrte das Tor an, bis ihre Augen schmerzten. Doch die Türflügel rührten sich keinen Millimeter.

Da hörte die Frau ein fröhliches Pfeifen, das den Weg heraufkam. Kurz darauf erschien eine Amazone. Sie sprang kraftvoll über die Steine und lachte, als ein Vogel in ihrer Nähe auf einem Ast landete und ebenfalls zu pfeifen begann.

Auch die Amazone wanderte schnurstracks auf das Tor zu und klopfte. Dann drehte sie sich um und spazierte wieder den Weg hinunter.

Die junge Frau war zunächst unsicher, ob sie die wilde Amazone ansprechen sollte, doch sie wirkte freundlich, und so nahm sie sich ein Herz. “Entschuldige bitte, aber ich frage mich, wann sich das Tor öffnen wird. Weißt du etwas darüber, dass du so entspannt klopfen kannst?”

Die Amazone lächelte und sagte: “Ich weiß es nicht sicher, aber ich kenne einige, für die es sich geöffnet hat, und sie alle sagen dasselbe. Ich vertraue darauf, dass es bei mir auch funktioniert, denn diese anderen sind normale Menschen wie du und ich, abgesehen davon, dass sie die Magie des Tores verstanden haben.”

Die junge Frau wurde ungeduldig: “Was ist denn nun das Geheimnis?”, fragte sie mühsam beherrscht. Die Amazone blickte sie klar an: “Klopfe an eintausend Tagen.”

Die junge Frau war verblüfft. Das klang so einfach wie unschaffbar. Musste man dafür nicht unendlich diszipliniert sein, so wie der junge Mann, der sich dabei selbst aufrieb? War es ihr das wert? Vielleicht sollte sie doch einfach in ihr Dorf zurückkehren. Aber würde sie dann nicht irgendwann doch noch einmal versuchen wollen, her zu kommen? Hätte sie dann noch die Kraft dazu? Und was, wenn sie es tatsächlich schaffte, und dann das Tor doch nicht auf ging?

Sie teilte ihre Bedenken mit der Amazone. Diese nickte verständnisvoll. “Diese Zweifel hatte ich auch. Aber ich habe verstanden, dass ich den Weg hier herauf nicht erzwingen muss. Ich komme fast jeden Tag, aber manchmal bin ich krank oder zweifle daran, dass es sich jemals öffnen wird, und dann bleibe ich zuhause. Doch dann spreche ich wieder mit einer, die es geschafft hat, und sie ermutigt mich, es weiter zu versuchen. Inzwischen habe ich mir auch in der Nähe ein Lager eingerichtet, so muss ich nicht immer wieder alles, was ich brauche, hier hoch schleppen. Und letzten Endes denke ich mir: Selbst wenn es sich nie öffnen sollte … Hast du dir die Landschaft angesehen? Dieser Berg ist es wert, immer wieder bestiegen zu werden.”

Verblüfft schaute sich die junge Frau um. Tatsächlich, die Aussicht war wunderbar. Sie hatte vor lauter Grübelei nicht darauf geachtet, und sicher hatten es auch viele der anderen Wanderer nicht. 

Da kam ihr ein Gedanke. Zaghaft blickte sie die Amazone an. “Darf ich dich begleiten?” Die Amazone nickte lächelnd. 

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