Worte haben Bedeutung, und zwar nicht nur “so ungefähr”, sondern sehr nuanciert. Und unser Gehirn reagiert darauf. Wir können das als irrelevant abtun – und verlieren damit mehr, als wir ahnen. Warum dir die Formulierung “Ich habe keine Zeit” mehr schadet, als du wahrscheinlich denkst, erfährst du in diesem Artikel. 

Die Wortwahl ist entscheidend für unsere Wahrnehmung

Die Nuancen der Sprache begegnen und beeinflussen uns jeden Tag, auch ohne, dass es uns bewusst wird. In der Werbung, in Konflikten, in den Medien: Überall hat die Sprache einen Einfluss darauf, wie wir etwas wahrnehmen. Vielen Menschen ist das nicht bewusst. Sie denken, solange der Inhalt einer Botschaft transportiert wird, ist die genaue Formulierung egal. Das ist aber ein Irrtum. 

“Er ging schnell.” beschreibt, worum es geht, aber ein klareres Bild entsteht, wenn es heißt: “Er hetzte die Straße entlang.” oder “Beflügelt eilte er zu ihr.” Es ist etwas ganz anderes, ob man sich beeilt, weil man unter Stress steht oder weil man sich freut. In “gehen” findet sich dieser Zusammenhang nicht. Ein gutes Buch und besonders ein Gedicht oder auch Songtext lebt davon, dass er die passendsten Begriffe benutzt, um in deinem Kopf das gewünschte Bild zu erzeugen. Dieses Bild wiederum hat starken Einfluss auf deine Gefühle – und deine Handlungen, ob du nämlich das nächste Buch kaufst, weil es dich so berührt hat, oder eben nicht. 

Der Augenzeugen-Effekt

Aber nicht nur im Kaufverhalten spiegeln sich die Einflüsse der Sprache wider: In einem Experiment wurde zwei Gruppen von Menschen ein Film von einem Autounfall gezeigt. Die Augenzeugen wurden danach über den Film befragt, dabei unterschieden sich die Fragen nur in einem Wort.

Die eine Gruppe wurde gefragt: “Wie schnell etwa fuhren die Autos, als diese ineinanderkrachten?”, die andere: “Wie schnell etwa fuhren die Autos, als diese zusammenstießen?”
Eine Woche später sollten sich die Gruppen an den Film erinnern, dabei wurden alle dasselbe gefragt: “Haben Sie gesehen, dass Glas zersplittert ist?” Im Film war kein Glas gesplittert, trotzdem “erinnerten” sich doppelt so viele Menschen aus Gruppe 1 wie aus Gruppe 2 daran, dass es so gewesen wäre!

Ein Wort ist kein großer Unterschied, aber wenn du derjenige bist, der vor Gericht steht, wird es auf einmal sehr wichtig, wie genau über das Problem gesprochen wird. Diesen Effekt nennt man Augenzeugen- oder auch Drehbucheffekt (Quelle: Beat Schaller: Die Macht der Psyche)

Dasselbe geschieht mit uns, wenn wir über unsere Zeit sprechen. Wie wir darüber reden, hat großen Einfluss darauf, was wir wahrnehmen – und wie wir handeln! 

“Ich habe keine Zeit”

Der absolute Klassiker – und vollkommener Bullshit, wenn man mal drüber nachdenkt. Ja, man kann das Ganze philosophisch sehen von wegen “Zeit ist ein kosmisches Prinzip, das sich nicht besitzen lässt” – dann “habe” ich keine Zeit. Aber wer benutzt das schon so?
Die meisten Menschen verwenden den Ausdruck “Ich habe keine Zeit” als Begründung dafür, etwas nicht tun zu können. Es wird wie darüber gesprochen wie über einen Gegenstand: “Tut mir leid, ich besitze keinen Hammer, den ich dir leihen könnte.” Doch so funktioniert Zeit nicht. Sie ist vorhanden, und jeder “bekommt” davon die gleiche Menge, nämlich 24 Stunden am Tag. (Die Physik kann das anders sehen, ich spreche hier von unserer alltäglichen Wahrnehmung und Handlungsgrundlage.) 

Warum haben wir trotzdem das Gefühl, keine Zeit zu haben? Weil sie auch vergeht, wenn wir uns dessen nicht bewusst sind. Je weniger wir uns damit auseinandersetzen, was wir tun, und vor allem die Verantwortung dafür übernehmen, desto häufiger haben wir das Gefühl, dass unsere Zeit einfach verschwindet. Die Formulierung “ich habe keine Zeit” verstärkt dieses Gefühl dann auch noch, weil sie unser Bewusstsein von der Frage abzieht, was wir alles tun könnten, um unsere Zeit bewusster zu nutzen.
Wenn ich keinen Hammer habe, warum dann darüber nachdenken, was ich damit bauen könnte? Ich nutze ihn lieber, so oft ich ihn geliehen bekomme, um schnell noch das fertig zu bekommen, was ich machen muss, um zumindest ein bisschen weniger gestresst zu sein. Und dann komme ich natürlich nicht mehr dazu, in Frage zu stellen, ob ich den Hammer nicht eigentlich schon die ganze Zeit besitze.

Hinzu kommt, dass es mit großem Druck verbunden sein kann, sich einzugestehen, dass man genauso viel Zeit hat wie jeder andere. Denn dann fängt das Rechtfertigen an: Statt dem entschuldigenden “Ich habe keine Zeit.” müssen wir sagen: “Ich habe Zeit, ich möchte sie aber mit etwas anderem verbringen als dem, was du vorschlägst.” Oder noch schlimmer: Wir müssen uns vor uns selbst rechtfertigen. “Ich habe Zeit, an meinem Roman zu arbeiten, ich will aber lieber Netflix schauen. Meine Träume sind mir im Moment nicht so wichtig, dass ich dafür meine Bequemlichkeit aufgebe.” Autsch, das kratzt am Selbstbild! Dann doch lieber einfach ein Opfer sein, das nicht genug Zeit besitzt, oder? 

Ich leugne es gar nicht: Es ist unangenehm, die Verantwortung dafür zu übernehmen, wie du deine Zeit ver(sch)wendest. Ich habe mich dennoch dafür entschieden, es zu tun (zumindest meistens, ich schaff es auch nicht immer), weil ich es satt habe, ein Opfer der Umstände zu sein. Soll ich mich nur glücklich schätzen dürfen, wenn irgendeine unbekannte Macht willkürlich entschieden hat, dass ich heute genug Zeit bekomme, um das zu tun, was mir Freude macht? Ich nehme es lieber in Kauf, ab und zu für meine Prioritäten einzustehen, als mich ständig fremdbestimmt zu fühlen.

Und übrigens: Du wirst gar nicht ständig damit konfrontiert, dass du dich für etwas anderes entschieden hast, wenn du das dem anderen nicht unter die Nase reibst. “Das passt für mich nicht.” ist eine vollkommen akzeptierte und unproblematische Antwort. Ob dein gedachter Halbsatz dazu “Weil ich keine Zeit habe” oder “weil ich andere Prioritäten habe” ist, ist deine Sache. Die meisten Menschen bemerken den Unterschied gar nicht – außer darin, dass sie dich mehr respektieren, weil du so selbstbewusst bist ;)

Fazit

Deine Sprache hat einen größeren Einfluss auf deine Handlungen, als du denkst. Streiche die Formulierung “Ich habe keine Zeit” aus deinem Sprachgebrauch. Sie entlässt dich zwar aus der Eigenverantwortung, aber macht dich dafür zum Opfer der Umstände. Verwende stattdessen z.B. “Ich habe gerade andere Prioritäten.” So wirst du freier und “hast” plötzlich doch wieder mehr Zeit. 


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