Wie du mehr Zeit für das Wesentliche findest

Wie du mehr Zeit für das Wesentliche findest

“Ich habe keine Zeit” ist der wohl am häufigsten ausgesprochene Irrtum in unserem Leben. Kommt dann allerdings das Argument: “Jeder hat gleich viel Zeit, nämlich 24 Stunden pro Tag”, werden schnell die Augen gerollt. Das meinten wir ja nicht, sondern dass wir eigentlich mehr erledigen wollten, als uns möglich war, weil jede einzelne Aufgabe länger gedauert hat, als wir dachten. Aber das ist ja zu kompliziert, es so auszudrücken, oder?

Ich halte es für sehr wichtig, sich zumindest immer wieder in Erinnerung zu rufen, dass “Ich habe keine Zeit” ein Satz ist, der so für sich nicht richtig ist, sondern eine Verkürzung von etwas anderem. Eigentlich geht es nämlich darum, dass du den Eindruck hast, zu viele wichtige Dinge zu tun zu haben, als zeitlich möglich ist. Was dabei jedoch selten hinterfragt wird, ist, ob wirklich all diese Dinge wichtig sind. Du ahnst es schon: natürlich nicht.

Aber wie kannst du Wesentliches (=wirklich Wichtiges) von Unwesentlichem (=nicht wirklich Wichtiges) unterscheiden? Das zeige ich dir in diesem Artikel. Außerdem zeige ich dir einige offensichtliche, einige weniger offensichtliche und einige unterschätzte Zeitfresser und helfe dir, ihren Nutzen und Schaden gegeneinander abzuwägen.

Wie du Wesentliches von Unwesentlichem unterscheidest

Wichtiges ist manchmal sehr offensichtlich, manchmal aber auch gar nicht so leicht zu erkennen. Wenn dein Haus brennt, findest du Zeit, rauszurennen. Dass der Abwasch dann noch nicht gemacht ist, wird zur Nebensache. Anders sieht es aus, wenn das Haus vollkommen in Ordnung ist, aber gleich noch Besuch kommt. Dann ist der Abwasch plötzlich essenziell. Das liegt daran, dass du verschiedene Werte hast, die dir unterschiedlich wichtig sind. Überleben > Gemeinschaft > Ausruhen. (Das muss übrigens nicht so sein, eine andere Werte-Rangliste ist vollkommen legitim – jede hat ihre eigenen Konsequenzen, die sich zu beachten lohnen.)

Manchmal ist es also ganz eindeutig, was gerade wichtig ist: jetzt gerade hat ein Wert eine höhere Priorität als der andere, also tust du die entsprechende Sache. Schwieriger wird es bei langfristigen Projekten, besonders, wenn du den Erfolg nicht absehen kannst. Deswegen liegt vielleicht das Manuskript deines Romans noch in der Schublade: du kannst nicht sicher sein, dass sich die ganze Arbeit auszahlt (sei es finanziell oder emotional: wird es mehr Freude oder mehr Frust geben?). Auf der anderen Seite kannst du dich in Aufgaben hineinsteigern, die sich am Ende weniger lohnen, als du dachtest, wenn du z.B. die Wohnung super rausputzt, nur um dir dann von der missgünstigen Tante anzuhören, dass ihr das Essen nicht schmeckt. Deswegen ist dein Warum so wichtig. In diesem Artikel gehe ich ausführlicher auf die Gründe für dein Tun ein. 

Wie kannst du also Wesentliches von Unwesentlichem unterscheiden? Indem du prüfst, wofür du es tust. 

Wesentlich ist, was…

  • dir Freude bereitet
  • eine positive Entwicklung bei dir oder in deinem Umfeld anstößt
  • dich einem guten Ziel näher bringt
  • dir hilft, klarer darüber zu werden, wer du bist und was du willst

Unwesentlich ist, was…

  • du (nur) tust, um anderen zu gefallen
  • motiviert ist durch die Angst, nicht gut genug zu sein
  • du aus Langeweile tust
  • dir und/oder anderen schadet (da ist die Unterscheidung wichtig: wesentlich ist, dass du dich darum kümmerst, aber die Sache selbst kannst du getrost sein lassen)

Verschiedene Arten von Zeitfressern

Zeitfresser sind Tätigkeiten, die mehr Zeit in Anspruch nehmen, als wir (im Nachhinein bzw. bei näherer Betrachtung) für gut befinden. Wir ärgern uns (übrigens selbst ein Zeitfresser, s.u.), sind frustriert und wünschen uns, dass sowas nicht nochmal passiert, ertappen uns aber immer wieder dabei. Ich unterscheide drei Arten von Zeitfressern: offensichtliche, weniger offensichtliche und unterschätzte.

Offensichtliche Zeitfresser – und ihr Nutzen

“Warum hab ich schon wieder drei Stunden gezockt? Argh, ich bin so doof, jetzt werd ich mit der Arbeit nicht fertig!” So oder ähnlich läuft immer wieder der innere Monolog ab, wenn uns auffällt, dass es schon wieder dunkel geworden ist, obwohl wir nur mal eben ein paar Monster bekämpfen, ein paar Facebook-Nachrichten checken oder eine Folge auf Netflix anschauen wollten. Einige Zeitfresser sind so offensichtlich, dass wir uns fragen, warum wir sie überhaupt noch in unserem Leben haben – und das ist eine richtig gute Frage! 

Offensichtliche Zeitfresser haben einige Vorteile: sie machen Spaß, brauchen keine große Konzentration, man kann sie einfach konsumieren und für eine Weile abschalten. Der Nachteil ist, dass man erst einmal lernen muss, sich auch wieder anzuschalten – und überhaupt zu wissen, warum man das wollen sollte.
Wer glaubt, die einzige Chance, in etwas gut zu sein, liege darin, so schnell wie möglich das nächste Level zu erreichen, wird weniger Motivation für den Alltag aufbringen als jemand, der erfahren hat, dass er in richtig viel gut sein kann, wenn er sich nur damit befasst. Wer von seiner Arbeit frustriert ist, wird weniger Lust darauf haben, zu ihr zurückzukehren, als jemand, der gemerkt hat, dass er selbst seinen Traumjob kreieren kann.

Doch selbst für jemanden, der sich eigentlich gut fühlt mit seinem Leben, kann es schwierig sein, sich von den offensichtlichen Zeitfressern zu lösen. Dann empfiehlt es sich, darüber nachzudenken, sich z.B. mehr Pausen zu gönnen. 

Apropos Nachdenken:

Weniger offensichtliche Zeitfresser und ihr Schaden

“Ah, das war lecker. Hm, soll ich meinen Teller gleich abwaschen? Wäre eigentlich schon gut, sonst türmt sich das Geschirr wieder. Nein, darauf hab ich keine Lust. Aber jetzt in die Küche laufen mag ich eigentlich auch nicht… Vielleicht kann ich es später machen? Aber unbedingt, bevor die Gäste heute Abend kommen, sonst denken die noch, ich wär schlampig. Ne, das geht gar nicht. Also doch jetzt? Boah, wie nervig, da geht mir auch gleich noch die gute Laune flöten, die ich grad noch hatte. Voll doof! Aber hilft ja nix, sonst wird es später total der Stress. *Seufz* Also los…” 

Wie lang wohl dieser innere Monolog gedauert hat? Eine Minute? Für die Stimmung war er jedenfalls ziemlich schädlich, und gemacht ist bis zu diesem Zeitpunkt auch noch nichts.
Wie lange dauert es, das Geschirr von einer einfachen Mahlzeit in die Küche zu tragen und abzuspülen? Ich hab es mal gemessen: 2 Teller und 3 Löffel = 52 Sekunden. Ohne mich zu beeilen. 
Sicher kann dieser Wert variieren, der Knackpunkt ist folgender: in der Zeit, in der du dich darüber aufregst, was du tun sollst, kannst du es bereits erledigt haben.
Beachte: Dieses Argument kann zu Selbstausbeutung führen, wende es also nur an, wenn du etwas wirklich tun möchtest (mehr dazu in diesem Artikel).

Grübeln, Jammern, Lamentieren, Schimpfen – das alles sind weniger offensichtliche Zeitfresser. Es kommt uns ganz normal vor, dass wir sie benutzen, um uns mit unserer Situation auseinanderzusetzen, um unsere Position zu bestimmen und Frust abzulassen. Dass ein Teil des Frustes überhaupt erst entsteht, weil wir sie benutzen, kommt uns dabei nicht in den Sinn. 

Praxistipp: achte eine Woche lang darauf, wie du mit dir selbst sprichst. Wo denkst du länger an einem Thema herum, als es dauern würde, dich darum zu kümmern? Probier mal aus, was passiert, wenn du gar keine zusätzlichen Gedanken zulässt, sondern es einfach machst. (Für Fortgeschrittene: das hilft auch bei der Steuererklärung.)

Grübeln vs. Überdenken

Unterscheide Grübeln und Überdenken. Beim Grübeln geht es darum, ein Thema hin und her zu wälzen, ohne wirklich etwas damit zu machen. Stell es dir wie einen Sack vor, den du von einer Hand in die andere nimmst, dich ärgerst, wie schwer er ist, ihn mal abstellst, dagegen trittst, ihn umwirfst und wieder aufstellst. Überdenken heißt, den Sack aufzumachen, ihn auszuräumen, die Dinge anzuschauen, auszusortieren und wieder einzupacken, bevor du den Sack wieder aufnimmst.
Das scheint zunächst mehr Arbeit zu sein und kann auch längere Zeit in Anspruch nehmen, doch hinterher ist dein Gepäck leichter und du weißt, was du warum dabei hast. Kurz gesagt: es lohnt sich. Deswegen ist Grübeln ein Zeitfresser, aber Überdenken nicht.

Weitere weniger offensichtliche Zeitfresser

…sind allgemein übliche Tätigkeiten, die sich aber ebenfalls zu hinterfragen lohnen:

  1. Trends folgen. Wie viel Zeit und Aufwand investierst du, um dich anzupassen? Hältst du dich vielleicht von Modetrends fern, machst dir aber darüber Gedanken, ob es nicht angemessen ist, jetzt vielleicht in erneuerbare Energien zu investieren? Wie viel davon bist wirklich du und wie viel deine Angst, ausgestoßen zu werden? 
  2. Nachrichten konsumieren. Wie viel Zeit und Aufwand investierst du, um auf dem Laufenden zu bleiben? Wie viel davon ist langfristig wirklich relevant für dein Leben? Was interessiert dich wirklich, was betrifft dich wirklich – und wo hast du Angst, belächelt zu werden, weil du nicht Bescheid weißt? Wissen die, die darüber reden, wirklich Bescheid? Wissen die, die die Nachrichten produzieren, wirklich Bescheid? 
    Zum Thema News-Diät empfehle ich, sich mit Rolf Dobelli zu befassen, z.B. hier.
  3. Sich aufhübschen. Wie viel Zeit und Aufwand investierst du, um schlanker, wohlproportionierter oder jünger zu wirken? Wie viel davon ist die Freude am Wohlbefinden deines Körpers und wie viel die Angst, dass du allein gelassen wirst? 
  4. Dinge lernen, für die man sich nicht begeistert. Wie viel Zeit und Aufwand investierst du, dir Wissen einzupauken, das du nach der nächsten Prüfung wieder vergessen wirst? Wie viel davon ist dein echtes Interesse am Thema und wie viel deine Angst, nicht den Anforderungen anderer zu entsprechen?

Für alle: kannst du dir die Bedürfnisse, um die es geht, nicht auch anders erfüllen? (Tipp: es geht!)

Unterschätzte Zeit”fresser” und ihre Wirkung

Damit meine ich die Dinge, die schnell hinten runterfallen, weil sie Zeit in Anspruch nehmen, ohne sofort erkennbaren Nutzen zu produzieren. Doch in Wahrheit wirken sie weitreichender, als es zunächst den Anschein hat, und können dir dein ganzes Leben erleichtern. Dabei geht es um Dinge wie Selbstfürsorge, Reflexion, Beziehungsarbeit etc.
Wunderbar finde ich dazu diesen Spruch (ich weiß leider nicht, von wem er stammt. Wenn du es weißt, schreib es in die Kommentare!):

“Meditiere täglich fünf Minuten. Und wenn du keine Zeit hast, eine Stunde.”

Unbekannt

Was ist keine Zeitverschwendung?

  • über deine Themen nachdenken (s.o.)
  • Gefühlen Raum geben, wenn dadurch mehr Ausgeglichenheit erreicht wird
  • sich ausruhen
  • sich selbst besser kennenlernen
  • andere besser verstehen lernen
  • den Moment genießen
  • Neues ausprobieren
  • etwas lernen, das du auch später gerne nutzen wirst
  • Klarheit entwickeln, Ordnung schaffen

Dabei ist die Balance wichtig. Zu viel denken führt zum Grübeln, zu viel Ordnung macht Stress, zu viel Neues auszuprobieren führt zu Rastlosigkeit.
Doch dieses Zuviel entsteht in erster Linie, wenn du Achtsamkeits-Ratschläge zu wörtlich nimmst. Es ist nicht Sinn der Sache, zehn Minuten lang exzessiv an einer Blume herumzuschnüffeln, während du eigentlich schon genervt davon bist. Wichtig ist, dass du dir nicht einreden lässt, deine Pausen, die Zeit mit deiner Familie oder dein Tagebuchführen sei verschwendete Zeit. Denn das sind sie keineswegs.

Fazit

Es lohnt sich, sich Zeit zu nehmen, um Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden. Oft lässt sich der Nutzen von Zeitfressern anderweitig erfüllen, wodurch die Zeit, die sie sonst zusätzlich verbrauchen, frei wird. Achte auch darauf, was für dich wirklich passt, denn die Gesellschaft hält viel für wichtig, was eigentlich gar nicht Wesentlich ist, und umgekehrt. Prüfe für dich selbst, welche Bedeutung du den Dingen beimisst. 

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